Die Geschichte hinter dem Buch

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und geschichtliche Fakten zum historischen Roman "Das Hexennest".
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Scharfrichter bei der Vorbereitung - Executioner :Source:Praxis rerum criminalium iconibus illustrata. Antwerpen - Beller - 1562

Scharfrichter vollzogen Körperstrafen bis hin zur Todesstrafe. Ihre Arbeit grenzte sie in vielen Bereichen aus der städtischen Gemeinschaft aus. So war es ihnen u. a. in vielen Orten nicht erlaubt, innerhalb der Stadtmauern zu leben. Ihre Nachkommen durften nur die Söhne und Töchter anderer Scharfrichter ehelichen. Viele Jahrhunderte durften die männlichen Nachkommen nur den Beruf ihres Vaters ergreifen. So entstanden regelrechte Scharfrichter-Dynastien. Da Scharfrichter die menschliche Anatomie gut kennen mussten, um die Delinquenten bei Körperstrafen nicht über Gebühr zu verletzen, konnten sie – in etwa ab der Frühen Neuzeit – vom Landesherren das Chirurgen-Privileg verliehen bekommen und so auch ihren Söhnen neue Perspektiven eröffnen.
Obwohl sie sozial ausgegrenzt waren, gelangten sie häufig zu beträchtlichem Wohlstand.
Ihren Lohn erhielten die Scharfrichter nach getaner Arbeit immer von den Familien des Bestraften oder Hingerichteten; das war rechtlich festgelegt.
Die Hinrichtung mit dem Schwert war technisch kompliziert. Er erforderte Körperkraft und genaues Augenmaß, um den Kopf eines Delinquenten freihändig zwischen zwei Halswirbeln vom Kopf zu trennen. Wehrte sich der Verurteilte, kam es häufig zu Mißrichtungen, bei denen in den Kopf, den Arm oder die Schulter geschlagen wurde. Diese Vorfälle erregten den Unmut der Zuschauer bis hin zu tödlichen Angriffen auf den Scharfrichter.

Richtschwert (Foto: Florian Straub http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de)

Nicht jeder Scharfrichter war charakterlich und nervlich für sein Amt geeignet. Die Angst vor dem bösen Blick, dem Fehlhieb, der Verwünschung durch das Opfer und vor dem immer möglichen Zorn des Publikums wurde bisweilen mit einem ( oder mehren ) Schluck Alkohol bekämpft.
Das historische Vorbild für den Henker in „Das Hexennest“ ist David Claus der Ältere (* um 1628 in Lemgo † 9.August 1696 ebenda) , der Scharfrichter  in Lippe  und wie kaum ein zweiter seines Berufsstandes mit der Hinrichtung der Opfer aus den Lemgoer Hexenprozessen befasst war. Er vollstreckte die Todesstrafe mit dem Schwert, das als "Begnadigung" galt, denn üblicherweise wurden die Verurteilten auf dem Scheiterhaufen verbrannt.
David Clauss erlebte nicht nur zwei Lemgoer Prozesswellen ab 1653 und ab 1665, sondern auch die Hälfte aller anderen in Lippe geführten Hexenprozesse. Häufig erfuhren Scharfrichter zusätzliche soziale Ausgrenzung, wenn sie als allzu willige Vollstrecker der Wünsche der Obrigkeit galten.  Der Lemgoer Chronist Karl Meier behauptet, dass es im Falle von David Clauss nicht so gewesen sei, der es im Laufe seiner fast fünfzigjährigen Dienstzeit als Mensch zu Ansehen und Wertschätzung gebracht haben soll. David Clauss wurde nachgesagt, dass er die Kritik von nicht wenigen Zeitgenossen an den Hexenprozesse teilte. Von ihm selbst sind keine entsprechenden Aussagen dazu überliefert. Spätestens 1673 muss er jedoch bei der Lemgoer Obrigkeit in Ungnade gefallen sein, wie aus Dokumenten hervorgeht. Ob dies durch seine Kritik an der Führung der Hexenprozesse verursacht wurde, ist allerdings unklar. Nach fast fünfzigjähriger Tätigkeit als Scharfrichter, in der er über 100 Verurteilte mit dem Schwert enthauptet hatte, starb er am 9. August 1696 im Alter von 68 Jahren ( Karl Meier-Lemgo,Geschichte der Stadt Lemgo. Verlag F.L. Wagener, Lemgo 1952. )